Alte Liebe

Ich zertrete beim Joggen meine Gedanken, um den Kopf frei zu bekommen, damit ich nur noch fühle. Mich. Die Abendstimmung. Die dahinfließende Ammer. In der Ferne sehe ich ein sehr altes Pärchen. Ich laufe nach den letzten Klängen von Elvis Presleys ‚In the Ghetto‘ an ihnen vorbei. Er – ein stattlicher Mann – hat seinen Arm um ihre Schulter gelegt. Sie – eine zarte, kleine Oma – ist fest an ihn gekuschelt, und beide strahlen. Ihre Liebe ist so präsent, dass ich umkehren muss und sie darum bitte, ein Bild von ihnen zu schießen, das ich natürlich nicht mit der Öffentlichkeit teilen werde.
„Wir feierten kürzlich goldene Hochzeit!“, sagte sie, mit freudigem Lächeln. Er nickte, und bei seinem „Und wir sind immer noch glücklich!“, schwang sehr viel Demut mit und Dankbarkeit. Ich bedankte mich herzlich und lief weiter.

Ich gebe gerne zu, dass daraufhin die Tränen kullerten und ich bis nach Hause den Weg nur noch verschwommen wahrnahm, denn ich verabschiedete mich von dem Gedanken, dass ich auch eines Tages auf so einer Bank sitzen werde, den Arm um mein dann vielleicht 92jähriges Mädchen gelegt, wie um einen kostbaren Schatz, reich an Erinnerungen, die kein Gold der Welt ersetzen können. Dabei ist auch sie fest an mich gekuschelt, mir das Gefühl vermittelnd, dass das Leben die vielen Jahrzehnte mit mir schön war und sie es mit niemand anderes hätte teilen wollen, als mit mir. Und wir beide blicken auf einen Fluss, wie auf unsere Liebe. Die immer am Fließen und nie am Versiegen war …

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