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Den Teufel am Hals
(Mystery-Thriller)

Klappentext:

Als Sebastian feststellt, dass er in die Zukunft sehen und er so Unglücke verhindern kann, scheint sein Leben wieder einen Sinn zu bekommen. Zudem lernt er in der bodenständigen Melissa jemanden kennen, der ihm über Linda hinweghelfen kann.

Doch als er voraussieht, wer der Mörder einer Frau mit ihrem Kind sein wird, droht sein neues, liebgewonnenes Leben zerstört zu werden …

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Leseprobe:

Das Gothic-Girlie

Die Wände waren mit Postern von Höllengestalten und Hardrock-Bands beklebt. Auf der Kommode stand eine übergroße Spinnenskulptur und von einer Stehlampe hing ein Pentagramm herunter. Ein Gothic-Girlie saß mitten im Raum in sich versunken auf einem abgewetzten Sitzsack. Die Augen schimmerten anthrazit, sie waren dick mit schwarzem Kajal betont. Ein frisch gestochenes Teufel-Tattoo schimmerte an ihrem Hals. »Du verfluchtes Balg! Hätte ich dich doch bloß abgetrieben, du verdammte Missgeburt.« Die Worte ihrer Mutter hallten in ihr nach.
Sie stand auf, ging vor zur Kommode und zog eine Schublade heraus. Eine Pistole lag darin. Das Gothic-Girlie streichelte über den Lauf, fast liebevoll, und sah dann auf. Im Spiegel vor sich sah sie, wie sich ihre Augen langsam mit Blut füllten.

Sie schlich mit einem schwarzen, langen Ledermantel bekleidet durch die neblige Gasse einer Altstadt. Kieselsteine knirschten unter ihren Füßen. Ihre Sinne waren geschärft. Sie hörte das leise Knarren einer verrosteten offen stehenden Gartentür, nahm ein weggeworfenes, blutiges Heftpflaster wahr, an dem sich eine Fleischfliege zu schaffen machte und hörte Wortfetzen in etwas Entfernung. Im dichten Nebel erkannte sie schemenhaft die Gestalten einer Mutter mit ihrem Kind. Das Gothic-Girlie fing an zu laufen, ging auf Angriff über und zog die Pistole.

Schüsse fielen und Sebastian schreckte schweißgebadet aus dem Schlaf. Überdeutlich konnte er die Schreie von der Frau und ihrem Kind hören. Sebastian sah zu Linda, die neben ihm im Bett schlief. Ihre schwarzen, langen Haare lagen wie ein Fächer über dem Kissen. Sie war mit seinem Hemd bekleidet, und lag wie ein Kätzchen eingerollt neben ihm. Sebastian hörte das Japsen des Kindes. Er hielt sich die Ohren zu, doch damit war das Japsen nur lauter zu hören. Er schloss die Augen und sah für einen Moment das todesverängstigte Gesicht des wimmernden Mädchens. Die Pistole wurde auf das Kind gerichtet.
»Nein«, murmelte Sebastian verzweifelt. Mit dem nächsten Schuss verstummte das Japsen und die Bilder lösten sich in Luft auf.
Linda räkelte sich im Schlaf, ohne wach zu werden. Sebastian nahm das Handy, das auf seiner Kommode lag, zur Hand. 2:35 Uhr zeigte das Display an. Dann stahl er sich aus dem Bett, um sie nicht zu wecken und schlich in das Bad.

***

Er stand in Boxershorts und mit nacktem Oberkörper im Bad. Um einen kühlen Kopf zu bekommen, öffnete er das Fenster. Tief sog er die klare Nachtluft in sich ein.

Er tränkte einen Waschlappen mit kaltem Wasser und während er sein Gesicht damit erfrischte, fragte er sich, was es mit dieser immer wiederkehrenden Vision auf sich hatte. Plötzlich sah er aus den Augenwinkeln eine kuttentragende Gestalt hinter sich vorbei huschen. Zeitgleich klackerte etwas am Boden, als wäre es von der Gestalt mitgerissen worden. Er brüllte vor Schreck. Als er sich umdrehte, war die Gestalt weg. Schwer atmend lehnte er sich gegen den Beckenrand.

Linda schaute ins Bad. Sie wirkte aufgewühlt. »Was ist denn passiert?«
Sebastian wollte nicht, dass sie ihn für verrückt erklären würde. »Ich … ähm …« Er entdeckte die zu Boden gefallene Verschlusskappe. »… wäre fast ausgerutscht.« Er bückte sich danach. Lindas Anspannung ließ nach.
»Und da muss man so schreien?«
»Entschuldige.«
Durch den kalten Luftzug fröstelte sie. »Komm wieder ins Bett«, forderte sie ihn auf und wand sich ab. »Und mach das Fenster zu. Es ist kalt.«
Er legte die Verschlusskappe auf den Badewannenrand und schloss das Fenster, ohne den Raum aus den Augen zu lassen. Dabei sah er nicht, dass die kuttentragende Gestalt im Fensterglas zu sehen war.
Sebastian ging aus dem Raum und knipste das Licht aus.

***

Am nächsten Morgen bereitete er lediglich mit Boxershort und einem T-Shirt bekleidet das Frühstück vor. Er stellte zwei frisch gepresste Gläser Orangensaft neben die beiden Teller und brachte noch die Servietten perfekt in Position. Der Tisch war liebevoll gedeckt worden, mit frischen Brötchen, Joghurt, einer Schale frisch geschnittenem Obst, Marmelade und Schinken-Käseplatte. Er wollte gerade die Obstschalen entsorgen, als Linda hinzukam.
»Na du Knackarsch.« Sie gab ihm einen kräftigen Klaps auf den Hintern.
Er begrüßte sie mit einem Lächeln. »Hey. Guten Morgen. Und sorry wegen letzter Nacht.«
»Du bist halt ein Schreihals.« Sie nahm sich grinsend ein Glas Orangensaft und trank davon. Er genoss es, sie hier zu haben. Viel zu selten blieb sie über Nacht. Aber vielleicht kam sie auf den Geschmack, irgendwann einmal alle Nächte mit ihm verbringen zu wollen. »Magst du Kaffee? Oder doch lieber Tee?«
»Sorry, ich muss gleich los.«, entgegnete sie und griff sich ein Melonenstück. Man sah ihm an, dass er enttäuscht war, weil sie jetzt schon gehen wollte.
»Ich dachte, du hast frei?«
Sie knabberte das Melonenstück. »Ich hab nen Termin in der Werkstatt. Mit den Sommerreifen komme ich nicht weit.«
»Ich kann dir die Reifen auch wechseln …«
»Ich habe gesehen, wie du die Kommode aufgebaut hast. Da vertraue ich doch lieber einem Fachmann.« Sie grinste ihn an.
Sebastian zwang sich zu einem Lächeln. »Ist gut.«
Er wollte ihr einen Kuss auf den Mund geben, doch sie hielt ihm lediglich die Wange hin.
»Und nächstes Mal bleib ich länger.«, versprach sie und machte sich auf den Weg.
»Würde mich freuen …«, erwiderte er, worauf sie sich mit einem »Mit dir ist immer alles so herrlich unkompliziert!« verabschiedete.

Er hörte, wie die Tür zufiel, dann warf er enttäuscht die Obstschalen in den Abfall. Sie ging am Fenster vorbei und kramte ihr Handy aus der Tasche, dann war sie aus seiner Sicht verschwunden.
Er betrachtete das Foto von sich und Linda, das er mit einem Magnet am Kühlschrank fixiert hatte und nahm es an sich. »Unkompliziert – wenn es doch nur so wäre …«

***

Felix lag in seinem Bett und starrte zur Decke. Seit 02:40 lag er nun wach. Dieser Psycho unter ihm hatte ihn mit seinem Schreien aufgeschreckt und Felix konnte vor lauter Ärger nicht mehr einschlafen. Ihm taten die Augen weh, jeder Gedanke schmerzte und er überlegte, ob er sich bei Sebastians Vermieter beschweren sollte, das war ja nicht das erste Mal. Vielleicht wäre es auch eine Möglichkeit, Wände und Böden zu isolieren, das Haus war wirklich sehr hellhörig. Vielleicht wäre es besser, einfach nur darauf zu hoffen, dass es das letzte Mal war, dass ihm der Idiot den Schlaf geraubt hatte.
Es war nach neun, um elf begann seine Schicht, ein harter Tag stand ihm bevor. Deutsche Schlager hören, das würde ihm gute Laune bescheren. Er schob sich aus dem Bett und legte eine CD ein. Er drückte auf Play, und als Udo Jürgens den griechischen Wein besang, wurde ihm leichter.
»… ist so wie das Blut der Erde! Komm, schenk dir ein …«, sang er und bewegte die Hüften. Als er sich die Zehen an einer seiner Kurzhanteln anstieß, war der Anflug der guten Laune verloren. »Verdammte Scheiße!« Er verbiss sich den Schmerz, hackte auf die Stopptaste des CD-Players und entschloss sich, seine aufflammende Wut nun doch an Sebastian auszulassen. Er schlüpfte in die Pantoffeln. Das T-Shirt mit dem Teufel-Smiley, das ihm als Schlafhemd diente, ließ er an.

Er nahm zwei Stufen auf einmal. Danielle, die Mieterin in der von ihm gegenüberliegenden Wohnung, kam ihm entgegen, mit Eimer und Putzlappen in der Hand. »Guten Morgen, Felix.«
»Morgen«, brummte er.
Sie stellte den Putzeimer an der ersten Stufe ab und wischte den Staub vom Geländer.
Er postierte sich vor Sebastians Wohnung.
So, du Spinner! Jetzt bekommst du was zu hören! Felix klingelte und tippte ungeduldig mit den Pantoffeln auf die Fußmatte mit dem Willkommensgruß.

***

Sebastian legte das Foto auf dem Tisch ab und schnappte sich schnell die Jogginghose, die auf dem Sofa lag. Im Gehen versuchte er, in die Hose zu schlüpfen.
Kurz bevor er die Wohnungstür erreicht hatte, klopfte jemand hart gegen die Tür, die er gerade aufmachen wollte.
»Sebastian!«, hörte er Felix durch die Tür bellen.
»Jaha!«, rief Sebastian und machte auf. »Bin ja schon …« Er stellte verwundert fest, dass niemand davor stand. Er ging raus und schaute das Treppenhaus hoch.
»Felix?«, rief er hoch und lauschte einen Moment. Doch niemand war zu hören. Er schnappte sich ein Zeitungsmagazin, das gestapelt am Boden unter den Postfächern lag und blickte noch einmal irritiert das Treppenhaus hoch. Dann verschwand er in seiner Wohnung.

Er schlug die Zeitung auf und blätterte zum Regionalteil. Er nippte an seinem Orangensaft und las das Gerücht von einem Aids-Stempler, der in Nürnberg die Runde machte. Ein Mann, der im Gedränge irgendwelchen Leuten einen Stempel aufdrückte, auf dem ‚Willkommen im Aids-Club’ stand. Angeblich war daran eine Nadel mit Aids-infiziertem Blut befestigt.
Es gab einen Bericht über einen neu angelegten Kinderspielplatz. Einige Gartenbauvereine feierten jahrelanges Bestehen und auch über das Schwimmbad der Volksschule gab es einen schönen Artikel.
Gott sei Dank war die bundesligalose Zeit bald vorüber. Sein Interesse an Formel 1, Dirk Nowitzki und regionalen Stockschieß-Veranstaltungen hielt sich arg in Grenzen. Er überflog die Überschriften des Sportteils und landete im Weltspiegel. Er wollte einen weiteren Schluck zu sich nehmen, doch als er ein Bild entdeckte, zitterte das Glas in seiner Hand.
Er konnte nicht glauben, was er sah und stellte das Glas zurück. Er nahm das Foto von sich und Linda zur Hand. Dasselbe Foto war in der Zeitung abgedruckt worden. Lediglich die Augen seiner Geliebten waren dort mit einem Balken unkenntlich gemacht worden.
Die Überschrift lautete: Sebastian Koller steht unter Mordanklage.
Er las fiebrig den Artikel durch.
»Am Wochenende kam es zu einem schrecklichen Verbrechen. Der wegen Mordes angeklagte Sebastian Koller muss sich nun erneut einer Anhörung stellen. Zeugenaussagen zufolge …«, las er, als ihn ein Klingeln aufschrecken ließ. Er sah auf und dann wollte er weiterlesen. Doch der Artikel war weg. Sebastian blätterte suchend in der Zeitung. Der Bericht konnte sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. Die Berichte über den Aids-Stempler, den Kinderspielplatz oder auch dem Schwimmbad waren auch noch zu lesen. Doch der Bericht über ihn als jemand, der unter Mordverdacht stand, war weg. Da klopfte es hart an der Tür.
»Sebastian!«, hörte er Felix durch die Tür bellen.
Das konnte nicht wahr sein. Sebastian wollte sich vergewissern, ob sich die Halluzination wiederholte, und machte sich auf den Weg.

Er machte die Tür einen Spaltbreit auf und sah Felix mit seinen Pantoffeln an der Matte mit dem Willkommensgruß tippen. Dann schob Sebastian die Tür ganz auf.
»Ja, sag mal, spinnst du oder was? Was schreist du wieder in der Nacht herum wie ein Blöder. Was soll denn das?«, giftete Felix.
Sebastian bekam das alles gerade nicht zusammen. Das mit der Zeitung, das jetzt mit Felix. »Ja, sorry, hey. Tut mir Leid, Felix, echt. Ich weiß nicht. Irgendwie …«
Sebastian entdeckte die Mieterin aus dem dritten Stock.
»Was irgendwie? Was schwafelst so wirr?«, fragte Felix.
»Guten Morgen Danielle.«
Sie nickte. »Guten Morgen.«
»Bist auf Drogen?«, fragte Felix nach und schubste ihn an.
»Nein, nein. Ich … puh.«
»Oh Gott, Mann, geh zum Psychiater. Oder such dir ’ne andere Wohnung. Ich brauche meinen Schlaf.«
Sebastian schaute bedröppelt, er wollte vom Thema ablenken. Ihm fiel der Teufel-Smiley auf. »Cooles T-Shirt …« Mehr fiel ihm nicht ein.
Felix wandte sich ab. »Ja, du mich auch!« Er stapfte an Danielle vorbei die Treppen hoch und murmelte kaum hörbar: »Arschloch.«