Tarabas

Tarabas, der Zauberschüler
(Skurriler Fantasie-Roman)

Klappentext:

Veganer-Zombies, tollwütige Elfen, Drachen, die Wasser speien, – ‚Andersartige‘ werden nach Abandonien verbannt.
Als die Siamesische Zwillingswespe das Gerücht verbreitet, dass sich die Abandonier gekreuzt und rachsüchtige Bestien hervorgebracht haben, rufen die Oberen zu einem Feldzug auf.

Tarabas sieht seine Chance gekommen, als größter Zauberkrieger in die Geschichte einzugehen und schließt sich dem Heer an, das die Abandonier vernichten soll. Doch durch einen unverzeihlichen Fehler muss er fliehen.
Sein Weg führt ihn ausgerechnet nach Abandonien …

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Leseprobe:

Kapitel 1

Wie kann ich Tarabas nur diese Kriegslust austreiben? Der Junge ist kein Krieger. Er wird es nie sein. Er würde im Kampf den sicheren Tod finden.
Als Fumè das Arbeitszimmer betrat, sah er auf dem Boden den Leuchtstein liegen. Die Ringelnatter hing leblos von dem Balken unter der Decke. Grüne Flüssigkeit tropfte aus dem Schlangenmaul und hinterließ einen Fleck auf dem Holzboden.
Du wirst mir fehlen, altes Mädchen, dachte Fumè, während er sie herunterholte und auf dem Arbeitstisch ablegte. Er kramte aus einer Kiste eine schlummernde schwarze Mamba hervor und rückte einen Hocker in Position. Er stieg hinauf und schlang die Mamba um den Balken. »Dolpy Marq«, murmelte er.
Sie erwachte und blickte sich unschlüssig um. Fumè bückte sich nach dem Leuchtstein und klemmte ihn in das Schlangenmaul. Die Mamba zuckte, der Lichtschein schwenkte im Raum umher, vorbei am Arbeitstisch und dem Aquarium. Dann hielt sie still.
Fumè packte die ausgediente Ringelnatter und nahm sie mit zur Kellertür.
Da klopfte es.
»Fumè? Es gibt Neuigkeiten.«
Das war die rauchige Stimme des fetten Einäugigen Qualandras.
Was will denn der schon wieder? Fumè zog die Kellertür auf, warf die Schlange ins Dunkel und rief: »Es ist offen. Komm rein.«

Der Einäugige trat in das Arbeitszimmer. Mit dem kleinen Finger bohrte er in der Nase und wischte sich die Hand am Lumpenumhang sauber, der sich um seinen Wanst spannte.
»Ich hoffe, du bringst frohe Kunde.«
Qualandras reagierte nicht und spazierte zum Aquarium. Beim Blick auf den Seestern, der inmitten algengrüner Steine mümmelte, leckte er sich über die Lippen. Fumè schob so geräuschlos wie möglich die Kellertür zu.
»Die Oberen wollen, dass niemand mehr verstoßen wird.«
Fumè hielt inne, sah den Einäugigen an und lächelte. »Sind sie endlich zur Vernunft gekommen? Das ist doch eine prima …« Er stockte, weil sein Gegenüber blickte, als würde ihn etwas bedrücken. »Qualandras?«
»Sie sollen nicht mehr verstoßen werden, sondern getötet.«
»Was?«
»Die Völker werden entsprechend angewiesen. Sobald einer aus der Art gerät, muss er beseitigt werden.«
Fumè brauchte einen Moment, dann war er sich sicher, dass er das Gehörte nicht geträumt hatte. »Das kann doch nicht deren Ernst sein! Reicht es nicht, sie zu verbannen? Sie auszusetzen, als hätten sie eine ansteckende Krankheit? Reicht das nicht?«
Qualandras ging auf die Knie und betastete den grünen Fleck auf dem Boden. Er leckte sich den Finger ab und verzog das Gesicht. Unter mühevollem Schnaufen kämpfte er sich wieder auf die Beine und nahm die schwarze Mamba genauer in Augenschein. Wie Fumè dieses Getue auf die Nerven ging.
»Qualandras!«
»Wenn es nach mir ginge …«
»Aber nach dir geht es nicht.« Fumè ging zu dem Topf neben der Schlangenkiste und zog eine Zuchike heraus.
»Da gibt es noch etwas«, sagte Qualandras kleinlaut. Die schwarze Mamba funkelte ihn an, er wich einen Schritt zurück.
Fumè musste sich beherrschen. Ruhig einatmen. Ausatmen. Einatmen. Nicht aufregen. »Was denn noch?« Er griff sich ein Messer und sah Qualandras abwartend an. »Und?«
»Na ja, es wird gemunkelt, dass sich jenseits des Verdammus-Passes die Abandonier bereits gekreuzt haben und zu blutrünstigen Kreaturen herangewachsen sind.«
»Das ist doch Blödsinn.«
Qualandras hob die Schultern. »Die Abandonier sinnen auf Rache, weil man sie ausgegrenzt hat. Sie sind dabei, sich zusammenzurotten.«
»Wer sagt das?«
»Die Siamesische Zwillingswespe.«
Fumè hackte mit kräftigen Hieben die Zuchike in Stücke. »Ach? Die Oberen glauben ihr? Im Ernst? Sie ist doch dafür bekannt, intrigant zu sein, dieses verlogene Biest.«
»Es wird aber nicht ausgeschlossen, Fumè. Die Oberen sind in Sorge, weil alles so unüberschaubar geworden ist. Die Völker geben keine Auskunft, wen sie bereits verstoßen haben, weil sie sich ihrer schämen. So oder so soll die Welt von den Andersartigen gereinigt werden. Da spielt es keine Rolle, ob die Siamesische Zwillingswespe die Wahrheit gesagt hat oder nicht.«
Fumè starrte auf die Zuchikenstücke.

Qualandras trat heran. »Darf ich?« Ohne eine Erlaubnis abzuwarten, stopfte er sich ein paar Zuchikenstücke in den Mund. Ein Geräusch drang aus dem Keller, als hätte jemand gerülpst. Qualandras hielt in der Kaubewegung inne. Erneut war da ein Ton zu hören. Ein Niesen. Qualandras ging einige Schritte Richtung Kellertür. Es war ihm anzusehen, dass er neugierig war, was sich dahinter verbarg.
»Lass mich bitte allein«, bat Fumè.
Der Einäugige schaute verdutzt. Noch einmal der Blick zur Kellertür. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Er wischte sie ab, schnaufte kräftig durch, dann nickte er folgsam.
Fumè hob die Hand und spreizte die Finger, wobei er mit dem mittleren winkte. »Liebe mit dir und Frieden sowieso.«
Qualandras tat es ihm gleich, zögernd und murmelnd, dann ging er.
Das Geräusch der zufallenden Tür hallte im Raum nach.
»Die Oberen sind keine Weisen, das sind dumme Angsthasen.«
Fumè fütterte mit den übrig gebliebenen Zuchikenstücke die Haie im Aquarium, die so klein waren wie Fliegen. Während sie gierig das Abendessen verschlangen, stützte er sich ab, mit Blick auf den Seestern.
Die Abandonier kreuzten sich zu blutrünstigen Bestien? Das war doch nur ein Gerücht. Ein blödes, gefährliches Gerücht.
Hoffentlich kam es Tarabas nicht zu Ohren. Der würde es als Chance sehen, seine Kriegslust zu stillen.
Fumè ging zur Kellertür. Er schob sie einen Spaltbreit auf und horchte. Als er Fressgeräusche hörte, musste er lächeln.
»Dir wird nichts passieren«, murmelte er und drückte die Tür wieder ins Schloss. Er legte für morgen das Buch ‚Anfänge für Magie’ auf dem Arbeitstisch bereit. Tarabas würde wieder eine Zauberstunde bekommen.
Fumè legte sich schlafen und dachte an ihn und ihre erste Begegnung. Damals war er noch nicht von diesem Gift der Kriegslust infiziert.

***

Tarabas konnte es nur jugendlichen Leichtsinn nennen, dass er und sein bester Freund Vincent sich auf den Weg in das lebensgefährliche Land Ungolar gemacht hatten. Dort herrschten Hexen, die seinem Volk der zaubermächtigen Glatzköpfler und auch Vincents bescheidenem Stamm der Haarigen nicht wohlgesinnt waren. Eine mächtige Mauer umgab das Dorf, doch das schreckte sie nicht ab.
Vincent drückte sein Ohr gegen die steinerne Wand und lauschte auf verdächtige Geräusche.
»Und?«, fragte Tarabas, wobei er sich immer wieder umsah. »Hörst du was?«
»Moment!«
Eine Spinne lugte aus einer Ritze. Sie sah giftig aus und krabbelte auf Vincents Rücken zu. Mit dem stark behaarten Körper bot er dem Ungeziefer ideale Verstecke. Tarabas fasste eins ihrer vielen Beine und warf die Spinne ins Gebüsch.
»Was machst du da?«
»Ich hab dir das Leben gerettet.«
»Schscht! Ich höre was!« Wieder drückte er das Ohr fest an die Steine.
»Und?«
»Nein. Doch nichts.«

Tarabas sah über der Mauerkrone den Wipfel einer mächtigen Linde. Stünde der Baum auf ihrer Seite, könnten sie hinaufklettern. Aber so? Er rieb sich den Kopf und seufzte. Wären sie erwachsen, wäre das kein Problem. Auf die Zehenspitzen stellen, die Kante fassen, hochziehen. Oder sich hinaufzaubern, wäre er bereits jetzt der Zauberkunst mächtig. »Wenn sie uns erwischen, hetzen sie uns die Hoppler auf den Hals und dann enden wir als dampfende Hasenhaufen.«
Vincent winkte ab. »Das wagen sie nicht. Die Oberen wären in Aufruhr.«
»Was hilft uns das, wenn wir zernagt im Hoppelmagen liegen?«
»Willst du ihn nun sehen oder nicht?«
»Hm.«
»Jetzt komm. Rauf mit dir!« Vincent stellte sich breitbeinig mit dem Gesicht zur Mauer und stützte sich ab.
Wenn das mal gut geht, dachte Tarabas und stieg auf die Schultern seines Freundes. Vincent zischte Luft durch die Zähne. Tarabas hatte ihm wohl einige Haare ausgerissen. War da nicht ein Geräusch? Ein anderes Geräusch?
»Nun mach schon!«
»Psst!« Hoffentlich verfügten die Hexen über kein gutes Gehör. Tarabas horchte noch einmal. Auf Schritte. Stimmen. Auf irgendwas.
»Beeil dich«, ächzte Vincent und sackte etwas ein. Also griff Tarabas nach der obersten Kante und zog sich hinauf. Seine Tunika schleifte über den rauen Stein, dann hatte er es geschafft. Die Mauer war schmal, er schwankte. Fast wäre er auf die andere Seite gestürzt und dort neben dem Baum auf dem Moos zum Liegen gekommen. Er verharrte einen Moment, bis der Atem ruhiger ging, dann setzte er sich auf. Der Wipfel der Linde bot hoffentlich genug Deckung. Im Geäst hatte ein Zadler sein Nest gebaut. Mit seinen vier Schwingen galt er als der König unter den Raubvögeln.

Tarabas schaute sich um und war im ersten Moment enttäuscht, dass das Dorf wie ausgestorben wirkte. Ein paar Hütten standen herum, eine etwas abseits gelegene Baracke war mit Rosen geschmückt, überall erloschene Feuerplätze und an der gegenüberliegenden Mauer war ein riesiger Käfig aufgebaut. Er reichte fast bis zur Kante der Mauer. Ein Stummelschwanz, der zu einem gewaltigen Pelzpopo gehörte, lugte zwischen den Gitterstäben hervor. Einer dieser Hoppler?
In einiger Entfernung stand ein weiterer Käfig, doch mehr erkannte Tarabas durch den Wipfel nicht. Wo könnte sich der Fremdling versteckt halten, von dem Vincents Großmutter erzählt und der hier angeblich bei einer Hexe Unterschlupf gefunden hatte? Es musste sich um einen Abandonier handeln, ganz sicher.
»Siehst du ihn?«
Tarabas schüttelte den Kopf. »Nicht so laut.« Die Ruhe schien trügerisch. »Ich kann ihn nirgends entdecken.«
»Hilf mir hoch.«
Tarabas legte sich flach auf die Mauer und es dauerte einige Zeit, bis er Vincents Hand greifen und ihn hochziehen konnte. Sie setzten sich bequem und warteten ab.
Die Sonne ging allmählich unter, die Wolken färbten sich rosa, doch von dem Fremdling oder irgendwelchen Hexen keine Spur. Sie lehnten sich mit den Rücken aneinander und blickten über das Hexenreich.
»Und denen hat dein Vater die Fenster gemacht?«, fragte Vincent in die Ruhe hinein.
»Er hat nur das Glas geliefert.«
»Das verlangt trotzdem Mut.«
»Wenn der wüsste, dass wir hier sitzen … Aber ich behaupte dann einfach, dass du mich angestiftet hast. Dann versohlt er dein haariges Popöchen und ich bin fein raus«, sagte Tarabas und grinste.
»Sehr witzig. Wo ist er gerade?« Vincent zog ein Lindenblatt aus seinen Schulterhaaren.
»Mit Freunden auf Schlangensuche.«
»Wenn du nicht so ein Angsthase wärst, könnten wir auch mal auf Schlangensuche gehen.«
Tarabas rieb sich das Kinn, an dem noch kein Flaum zu spüren war. Er begeisterte sich mehr für das Flötenspiel als für ein Abenteuer, aber das machte ihn noch lange nicht zu einem Angsthasen.
»Ich wäre dabei. Aber nur, wenn du versprichst, dass du an meiner Seite bleibst, egal, wie gefährlich es wird.«
»Genauso wie jetzt?«, fragte Vincent.
»Ja.«
»Seite an Seite?«
»Ja. Bis in den Tod.«
»Aber du musst dann auch an meiner Seite bleiben, wenn es mal brenzlig wird«, erwiderte Vincent.
Tarabas drehte sich zu ihm um, ein paar Steinchen rieselten in die Tiefe und er hielt seinem Freund die Hand entgegen. »Abgemacht!«
Mit einem Handschlag besiegelten sie ihren Schwur. »Seite an Seite, bis in den Tod, so soll es sein.«
Plötzlich hörten sie ein Geräusch. Und diesmal war es keine Einbildung.

Als Tarabas die Hexe an der rosengeschmückten Baracke sah, wollte er sich von der Mauer fallen lassen. In Sicherheit. So sehr ängstigte ihn ihr Aussehen. Nase und Kinn liefen spitz zu und unter ihrem Filzhut wippten grüne Locken. Sie streckte sich zum Fenster und gaffte ins Innere.
»Sie treiben es miteinander«, kreischte sie einen Wimpernschlag später und rannte in die Dorfmitte. »Welch Schande! Diese Hure! Zum Teufel mit ihnen!«
Eine Hexe guckte aus einem Fenster und rieb sich ein Auge, eine andere trat aus ihrer Hütte. Bald kamen sie vielzählig aus den Behausungen. Mit Zauberstäben bewaffnet. Grollend!
Vincent stupste Tarabas an und nickte in Richtung Baracke. Dort erschien ein blonder Hüne. Einer mit nordischem Blut, vermutete Tarabas. Sein Vater hatte mal von deren Rasse erzählt. Etwas Verstoßenswertes hatte er nicht an sich. Also doch nur ein gewöhnlicher Reisender? Er hielt eine Decke um seinen nackten Leib und flüchtete zum offenen Tor, einen Steinwurf von Vincent und Tarabas entfernt. Sie duckten sich, als eine gelbgelockte Hexe mit einer Warze unter dem Augenlid mit ihrem Zauberstab auf die Linde vor ihnen deutete. »Nosgrimono! Albese! Galanzi!«
Der Baum knarrte und die Äste bewegten sich wie vom Wind bewegt. Der Zadler kreischte und schwang sich davon. Tarabas spürte ein Zittern, der moosige Boden brach auf. Die Wurzeln kamen zum Vorschein. Regenkäfer, Holzfischchen und Erdreich rieselten hinab, dann hatte sich die Linde entwurzelt. Sie stapfte die paar Meter zum Toreingang und verpflanzte dem Hünen den Ausweg. Die Krone neigte der Baum bis zum Boden. Das leere Vogelnest fiel von den Ästen.
Die Gelbgelockte rief Flüche. Der Hüne stürzte auf die Knie, als wäre er von Steinen getroffen worden. Dabei rutschte ihm die Decke vom Körper. Gräser sprossen aus der Erde und wuchsen über seine Beine und Hände.
»Und nun«, rief die Hexe, »lasst die Hoppler frei.«
Zwei Hexen wirbelten mit ihren Zauberstäben. Wie von Geisterhand zogen sich die Gitter der Riesenkäfige hoch. Vincent tippte gegen Tarabas’ Oberschenkel und deutete auf den Platz, auf dem sie vorhin gestanden hatten. »Wir müssen hier weg«, formte er mit den Lippen und glitt von der Mauer. Tarabas wagte es nicht, sich zu bewegen.
»Nein!«, rief jemand aus der Rosenbaracke.
»Mutter, bleib hier«, rief eine jüngere Frauenstimme. Dann stolperte eine Hexe heraus, während sie in ein Hemd schlüpfte. In ihrer Armbeuge klemmte ein Zauberstab. Sie hatte rotes Haar und ein etwas freundlicheres Aussehen. Das Kinn runder, die Nase war es auch. »Lasst ihn in Ruhe. Ich bitte euch!«
Sie packte ihren Zauberstab und deutete auf den Hünen, der seinen Kopf nach ihr umgewandt hatte. »Zorimos! Elidias!«
Auf seinen Schulterblättern schwollen zwei Beulen an, bis die Haut platzte und sich Flügelchen entwickelten. Die Gelbgelockte lachte nur. Eine andere Hexe entriss der Rothaarigen den Zauberstab.
»Du musst da weg«, rief Vincent gedämpft.
Doch ein markerschütterndes Gebrüll ließ Tarabas erstarren. Hasen, die ihm an Größe und Masse weit überlegen waren, hoppelten auf den Hünen zu.
»Komm schon«, drängte Vincent.

Tarabas konnte sich noch immer nicht bewegen. Er betete, dass es dem Hünen gelingen würde, sich von den Gräserfesseln zu lösen. Die Flügelchen waren zu Schwingen ausgewachsen. Er schlug wild mit ihnen, ohne sich vom Boden lösen zu können. In seinem Blick lag pure Todesangst. Die Hoppler hatten den Hünen fast erreicht und rissen ihre Mäuler weit auf. Der Fremde half mit den Händen nach. Er zerrte an dem Grasgeflecht, seine Schwingen flatterten mit wilder Kraft, dann endlich riss er sich los. Er schwang sich in den abendroten Himmel empor, wo der Zadler seine Kreise zog. Ein Hoppler schnappte ins Leere, der andere verhedderte sich in der Decke und fiel auf das Vogelnest. Sie knurrten dem Hünen nach.
»Da! Auf der Mauer!«
Das galt Tarabas. Man hatte ihn entdeckt. Er und die Gelbgelockte sahen sich an. Ihr Blick hatte etwas Gefrierendes.
»Fasst ihn!«, rief sie.
Als einige Hexen mit den Zauberstäben auf Tarabas deuteten, ließ er sich in Richtung Vincent fallen. Sein Knöchel verknackste beim Aufschlag. Er rollte sich auf den Bauch und sah die Spinne auf sich zukrabbeln. Vincent zertrat sie und packte Tarabas an der Schulter. »Komm endlich! Wir müssen hier weg!«
Nur langsam kam Tarabas auf die Beine, der Schmerz im Fuß brannte. Er wollte auftreten, aber es ging nicht. Er stützte sich auf Vincent und schleifte sein Bein hinter sich her, während sie sich auf den Rückweg machten. Da ertönte ein lang gezogener Schrei und sie blickten gen Himmel. Der Hüne fiel wie ein Stein herab. Keine Schwingen mehr am Rücken. Er ruderte mit den Armen, dann zerschmetterte sein Kopf an der Mauer und er war im nächsten Augenblick dahinter verschwunden. Im Reich der Hexen. Es dauerte nicht lange, da erklang ein Schmatzen, als würde man ausgehungerte Hyranias füttern. Tarabas schüttelte sich das Bild der Hoppler aus den Gedanken, wie sie gierig den Hünen verschlangen, und klammerte sich fester an den Haarigen.
»Weiter!«, keuchte Vincent. Da sah Tarabas, dass sich die Linde aufgerichtet hatte und sich vom Tor wegbewegte.
»Das könnte böse enden«, murmelte er. Während Vincent weiterdrängte, behielt Tarabas den Eingang zum Hexenreich im Auge. Das Erste, was er sah, war eine Schnauze, aus der ein blutiger Stiftzahn ragte. Dann war der erste Hoppler auch schon im Freien, gefolgt vom zweiten, der an einem Stück des Hünen kaute. Sein Fell blutverschmiert. Sie schnüffelten in die Luft und schnauften aus, als sie Vincent und ihn erspähten.

Vincent schleifte Tarabas mit. Er half so gut es ging mit dem unverletzten Bein nach. Sie kämpften sich durch das Gebüsch und Tarabas konnte nicht sehen, wohin der Weg führte. Aber er wusste, dass es ein weites Stück Hügel bis zum rettenden Wald zu besteigen galt. Das würden sie gemeinsam nicht schaffen. Niemals. Die Hoppler suchten einen Weg um das Gebüsch.
»Lass mich hier«, bat er. »Allein kannst du es schaffen.«
Vincent reagierte nicht und so kamen sie nur stückchenweise voran. Einige Hexen erschienen am Tor. Tarabas nahm sie nur verschwommen wahr, weil ihm der Schmerz Tränen in die Augen trieb. Er blinzelte sich das Nass aus den Augen und betete, dass sie ihre Monster zurückrufen würden. Doch die Hoppler pirschten sich immer näher heran. Er erkannte den Beuteblick in ihren Augen. Die roten Pupillen waren mit schwarzer Iris umrandet.
»Lass mich!«, knirschte Tarabas. Er wollte, dass sich sein Freund rettete und versuchte, sich aus der Umklammerung zu lösen.
Vincent ließ nicht locker. »Wir haben es uns geschworen. Seite an Seite«, keuchte er und schob nun mit mehr Kraft an.
»Hilfe!«, rief er plötzlich.
War das ein Verzweiflungsruf oder war da tatsächlich jemand, den Vincent um Hilfe rief?
»Bitte! Helfen Sie uns!«
Die Hoppler rissen ihre Mäuler auf, Blut auf ihren Zungen, Fleischreste des Hünen hingen an ihren Reißern. Tarabas wusste, dass sie nur noch wenige Momente zu leben hatten. Da frischte der Wind auf, es roch nach Vanille. Die Hoppler schlossen ihre Mäuler und blieben stehen. Sie kniffen ihre fürchterlichen Augen zusammen und schüttelten die Köpfe, als wären sie von aphrodisierendem Nebel betört. Sie strichen mit den Pfoten über die Schnauzen und blinzelten. Das Schwarz der Iris wandelte sich in ein freundlicheres Grau, das Rot der Pupillen verblasste. Tarabas fiel mit Vincent zu Boden. Er wälzte sich auf den Bauch und sah in die Richtung, in die sie fliehen wollten.
Am Waldrand stand ein Glatzköpfler mit weißem Umhang. Er hatte einen langen Kinnbart, die Arme hoch erhoben, und schien die Hoppler zu zähmen.

***

Fumè hatte wohl aus Versehen das Lehrbuch ‚Anfänge für Magie’ auf dem Arbeitstisch liegen lassen. Tarabas stieß beim Durchblättern auf eine Zauberformel, die beschrieb, wie man Wasser in ein Aphrodisiakum verwandeln konnte. Dieses Mittelchen flößte man sich ein, wenn man für einige Zeit negative Energien loswerden wollte. Er schlug ein Eselsohr in die Seite und sprach in Gedanken die Formel nach. Als er Schritte und ein eigenartig schön gesummtes Lied im Nebenzimmer hörte, klappte er das Buch zu. Er wollte sich nicht von seinem Meister beim heimlichen Zaubern erwischen lassen. Er schritt im Arbeitszimmer umher, duckte sich unter der schwarzen Mamba und ihrem Leuchtstein hinweg und blieb irgendwann vor dem Aquarium stehen. Der Seestern schien sich zu langweilen, während sich die fliegengroßen Haie verhielten, als wären sie auf Beutezug. Wenn er dieses Wasser in ein Aphrodisiakum verwandeln könnte, würden die Fische nicht so grimmig gucken und der Seestern würde, so vermutete er, um die Algensteine tanzen.

Tarabas stupste mit der Nase gegen das Glas. Die Fliegenhaie ignorierten ihn, bis er mit der Fingerkuppe gegen die Scheibe klopfte. Blitzschnell jagten sie auf ihn zu. Bestimmt Dutzende. Sie rissen die Mäuler auf und versuchten, mit ihren spitzen Reißern an der Scheibe zu kratzen. Mit den kaltschwarzen Augen fixierten sie ihn. Das Wasser geriet darüber in Bewegung.
Er wich zurück und rempelte gegen den Tisch. Ihm fiel ein, dass das Aquariumglas von seinem Vater hergestellt worden sein musste, dem einzigen Glasalchimisten in Samata. Aus Ekel rieb er Nase und Fingerkuppe am Hemdärmel ab.
»Was machst du da?« Fumè stand im Raum. Er nahm den bis zur Hüfte reichenden Kinnbart, beugte sich vor und polierte damit seinen Glatzkopf.
»Ich hab sie nur ein bisschen ärgern wollen«, murmelte Tarabas und zwirbelte den Flaum an seinem Kinn.
»Je ruhiger das Wasser, desto besser kann ich dir den Zauber zeigen.«
»Tut mir leid.«
Fumè warf einen Blick auf das Lehrbuch ‚Anfänge der Magie’. Er blätterte darin, strich ein Eselsohr glatt und murmelte »Wie man Wasser in Aphrodisiakum verwandelt« zu sich selbst. Er blickte zu Tarabas, wissend, dass er sich damit beschäftigt hatte. »Unterschätze niemals die Nebenwirkungen.«
Tarabas seufzte. »Ja, klar.«
»Wirklich? Hast du gelesen, was hier steht?«
»Ich … hab es überflogen.«
»Aphrodisiertes Wasser benebelt dir nicht nur die Sinne. Das, was du dir einbildest, kann teilweise real werden, wenn du den Zauber nicht richtig ausführst.«
»Ja, schon klar.«
»Ist dir das wirklich klar?«, fragte Fumè, und nachdem Tarabas nickte, schloss er das Buch und legte ein Stofftaschentuch daneben ab. Um vom Thema abzuweichen, fragte Tarabas, was er da vorhin für ein Lied gesummt hatte. »Es hat mich berührt.«
»Das war mein Seelenlied«, antwortete Fumè.
»Dein Seelenlied? Was ist das?«
»Wenn du deinen inneren Frieden und zu deiner Berufung gefunden hast, wirst du dein Seelenlied summen können. Und das wird dir nicht auf dem Schlachtfeld passieren.«
Was weißt du schon, zu was ich berufen bin? Tarabas ärgerte sich über diese Äußerung. Sein Meister sollte es sich endlich abgewöhnen, ihm das ausreden zu wollen.
»Nun zeig mir doch mal, ob du den Schlupfzauber verinnerlicht hast«, forderte Fumè.
Nichts leichter als das, dachte Tarabas und rückte das Zauberbuch von dem Stofftaschentuch weg. »Borlino! Wushikli!«
Das Stofftaschentuch krauste sich zusammen, als würde es von einer unsichtbaren Hand zerknüllt. Einen Moment passierte nichts, dann schlüpfte darunter ein Küken aus Stoff hervor. Ein etwas merkwürdiges Küken. Es hatte nur einen Flügel, aber dafür drei Augen. Es kroch vor zur Tischkante, auf Tarabas zu, und blinzelte.

»Du bist unkonzentriert«, stellte Fumè fest. »Und du solltest nicht so nuscheln, damit der Zauber auch richtig funktioniert.«
Tarabas wollte gelobt werden, mit Kritik konnte er im Moment besonders schlecht umgehen.
Das Stoffküken fiel hinunter und zerfaserte ins Nichts.
»Ich zeig dir was Neues.« Der Meister baute sich vor dem Aquarium auf, in dem sich die Fliegenhaie wieder beruhigt hatten. »Wenn du es wirklich willst, kannst du jede Wasseroberfläche in einen Spiegel verwandeln, der deine Gedanken reflektiert.«
»Ich kann sehen, was ich denke?«
»Und alle anderen auch. Pass also auf.« Fumè flüsterte den Zauberspruch, ohne eine Silbe zu verschlucken. Tarabas stellte sich auf Zehenspitzen dazu, er wollte den Meister nicht ablenken, und sah auf der Wasseroberfläche das friedlich daliegende Heimatdorf der Glatzköpfler. Dort trieb ein Glatzköpfler seine Hühner aus dem Stall, drei Hütten weiter beugte sich eine verrunzelte Glatzköpflerin aus dem Fenster und kitzelte mit der Spitze ihres langen Kinnbarts den gebrechlichen Gemahl an der Nase, der im Schatten der Hütte ein Nickerchen hielt. Ein anderer Glatzköpfler saß auf einer Tanne und nach seinem glücklichen Gesichtsausdruck zu urteilen hatte er sein Seelenlied auf den Lippen.
Tarabas blickte seitlich ins Becken und beobachtete den Seestern und den Schwarm Fliegenhaie. Als er wieder von oben ins Aquarium schaute, waren die Bilder des Heimatdorfes einigen Landschaftsimpressionen gewichen, die ab und an durch ein durchpflügendes Haifischflösschen verzerrt wurde.
»Hast du aufgepasst? Dann kannst du es jetzt versuchen.«

Tarabas schloss die Augen und konzentrierte sich auf … nein. Wenn er jetzt eine Schlacht in das Aquarium projizieren würde, wäre Fumè sauer und würde ihm einen Vortrag über Krieg und das daraus entstehende Unglück halten und von den Kriegern erzählen, die Beine oder Arme oder beides verloren hatten und so oder so nicht mehr die gleichen waren.
Als ob das etwas Schlechtes wäre!
Natürlich waren die Krieger verändert. Denn sie waren Helden geworden und manche hatten bestimmt auf diese Weise zu ihrem Seelenlied gefunden.
Er wollte sich zwar die Diskussion ersparen, es sich aber auch nicht vorschreiben lassen, was er zu denken hatte und was nicht, und entschloss sich, es darauf ankommen zu lassen. Der nächstbeste Gedanke sollte es sein. »Litzge! Burccki!«
Auf der Wasseroberfläche erschien eine steinzerworfene Fensterscheibe mit einem sternförmigen Loch. An einer Spitze drehte sich eine Eierschale aus, Eigelb floss das Glas hinunter. »Feige Sau! Komm raus«, das hatten sie damals gebrüllt. Die Worte galten seinem Vater, dem elenden Feigling und Verräter. Schamesröte erhitzte Tarabas’ Wangen, immer dann, wenn er sich dieser Schmach erinnerte.
»Du denkst noch oft an ihn?« Er fühlte Fumès Hand, die sich schwer auf seine Schulter legte. Nach einem Moment wischte er sie weg.
»Ich will ihn vergessen«, zischte er und murmelte, nachdem er seine Aufgewühltheit ausgeschnauft hatte, ein »Entschuldigung«.
Er sah seinen Meister an, sah in den Augen aufziehende Regenwolken und schaute weg. Könnte er ebenso seine Gefühle in den Augen verbildlichen, Tarabas’ Pupillen hätten sich in Klapperschlangen verwandelt.
Als Fumè empfahl, dass er sich endlich einmal mit diesem Thema auseinandersetzen sollte, verließ Tarabas aufgewühlt das Haus. Er wollte lernen, wie man kämpft, sich in der Schlacht bewährt, weil das seine Bestimmung war, und eben nicht über seinen Vater reden.
Nie mehr!

Schon nach wenigen Schritten tat es ihm leid, dass er grundsätzlich wütend reagierte, wenn es um seinen Vater ging. Fumè war mehr großväterlicher Freund als Respektsperson, doch anzischen wollte er ihn nicht.
Tarabas warf einen Blick zurück auf das Holzhaus seines Lehrmeisters. Die Fensterläden klapperten. Er hörte noch das Knarren des Vordachs und den Wind, der durch Schlitze pfiff. Fumès Heim sah baufällig und ärmlich aus. Bei einem Landstreicher wäre mehr zu holen, könnte man meinen. Aber der verwahrloste Schein trog. Als Vincent und er nach dem Zwischenfall mit den Hopplern Fumès Haus betraten, staunten sie nicht schlecht. Es sah innen ganz anders aus als von draußen. Geräumiger, kostbarer. Schränke aus Teakholz, edle Schlangen, die von Zauberkraft gezähmt von den hohen Decken hingen und mit Leuchtsteinen im Maul die Räume erhellten und ein Aquarium mit Fliegenhaien.

Als Tarabas die mächtige Buche unweit seiner Heimathütte erreichte, klopfte er gegen die Rinde. Dank seiner Magie war es Fumè auch ohne Zauberstab ein Leichtes, diesen Baum zu entwurzeln und ihn für seine Zwecke zu missbrauchen. Doch der würde nicht einmal einem Bäumchen etwas zuleide tun, so sehr war er der Natur verbunden. Tarabas ärgerte das. Er wollte Krieger werden und kämpfen, immerfort! Alt genug war er mittlerweile. Nur kannte er außer Fumè niemanden, der ihn in diesen Künsten unterrichten konnte. In Dragonien tobte eine Schlacht und er wäre so gern mit an der Front. Angeführt vom legendären Hornissengeneral Uldin kämpfte ein Heer von Zwergen gegen die abtrünnigen Drachen, die einen Zwerg um einiges überragten und den Kampf dennoch verlieren würden, da Uldin als unbezwingbar galt.
Aber vielleicht käme ein Einsatz auch noch zu früh? Er wollte an der Front nicht nur beweisen, dass er kein Feigling wie sein Vater war. Er wollte den Feind beherrschen und ihn das Fürchten lehren. Nur müsste er dafür die Kriegskunst erlernen. Doch immer dann, wenn er darauf zu sprechen kam, predigte Fumè vom Frieden und in seinen Augen zogen bluttropfende Wolken vorüber. An dem Zauber, den er ihm vorhin gezeigt hatte, und der Gedanken auf eine Wasseroberfläche projizieren konnte, fand Tarabas aber Gefallen. Auch wenn ihm das Bild von der zerworfenen Fensterscheibe und der ausdrehenden Eierschale mehr als peinlich war.

In seinem Zimmer war neben dem Holzbottich eine Ecke für seine Arbeit am Zauberhandwerk hergerichtet. Bevor er mit den Übungen begann, stellte er sich vor das Gemälde seines Großvaters Hölder von Gölder und erinnerte sich seiner Geschichte, um daraus Kraft zu schöpfen. Mit einem Fuß stand Tarabas’ Großvater auf dem Kadaver eines rußgeschwärzten Hyrania und blickte stolz in die Ferne. Die Spitze seines Kinnbarts wurde von Schlachtrauch umnebelt.
Er war der Einzige der Glatzköpfler, der für den Hornissengeneral Uldin in den Kampf gezogen war und der Einzige, der jemals einen Hyrania erledigt hatte. Tarabas beneidete ihn für beides.
Ich werde auch eines Tages neben dem großen Uldin stehen. Dem Unbezwingbaren. Und mich von ihm bewundern lassen. Und ich werde noch viel schlimmere Kreaturen umbringen!
Tarabas hatte die Fenster in seinem Zimmer durch Schweinsledervorhänge ersetzt. Es zog erbärmlich und roch nach Schweinekot und Ziegenschweiß. Die Geräusche aus dem Stall hinter dem Haus waren weniger gedämpft, ebenso das Gekreische der schönen Kriemulde aus der Nachbarschaft, wenn ihr mal wieder ein Käfer ins Gesicht gekrabbelt war und ihr Nasenloch begatten wollte. Die Glasfenster hatten ihn aber immer an seinen Vater erinnert, den man nicht als Glasalchimisten in Erinnerung behielt, sondern als Feigling im Kampfe. Nur bei Trinkgläsern ging Tarabas Kompromisse ein, nachdem er sich an Steinkrügen blutige Lippen und im Arm einen Muskelkater zugezogen hatte.

Er stellte sich ein Glas Wasser auf den Tisch und dachte an eine Kammer mit Hellebarden und Bihändern. Im Wasserglas sah er aber nur die Großmutter beim Sockenstricken. Der besonders widerliche Hoppler war im Gedankenspiegel eine Elfe, die hinter einer Kastanie hockte und an deren Gesichtsausdruck zu erkennen war, dass Durchfall sie plagte.
Sicher lag es an dem Ziegenblöken oder dem Grunzen der Schweine. Als er durch die Luft zischende Feuerpfeile auf das Wasser projizieren wollte, aber stattdessen den Vater sah, wie er feige vom Schlachtfeld eilte, im Rücken die Freunde, die sich alleingelassen der heranstürmenden Orks erwehren mussten, wischte Tarabas das Glas vom Tisch. Es zersplitterte und die missratenen Gedankenbilder klatschten an den Holzbottich seiner Badstätte.

Die Mutter klopfte an und fragte durch die Tür, ob alles in Ordnung sei?
»Ja«, murmelte er genervt. In solchen Momenten wollte er mit sich allein sein. Er starrte auf die Flöte, ein Geschenk Vincents. Die Ziegen gaben gute Milch, wenn er darauf spielte, doch er wollte nicht spielen, weil das seinen Vater immer so stolz gemacht hatte. Er erinnerte sich an den Zauber, den er aus der Anfängermagie herausgelesen hatte und der negative Energien vergessen lassen konnte. Das wäre jetzt das Richtige. Also befüllte er ein neues Glas mit Wasser und sprach den aphrodisierenden Zauber aus.
Ein rosa Schimmer nebelte über der Wasseroberfläche, und als Tarabas daran roch, wurden ihm ein wenig die Knie weich. Er setzte zum Trinken an, hielt aber inne, weil er sich der Nebenwirkungen besann. Das, was man sich einbildete, konnte teilweise real werden, wenn man den Zauber nicht richtig beherrschte.
Doch dann ärgerte ihn sein Zögern. Er wollte keine Angst haben, niemals, und er beherrschte ganz sicher diesen popeligen Zauber. Also kippte er das Gesöff hinunter, schloss die Augen und wartete ab, was passieren würde.
Er fühlte sich bald leicht und beschwingt wie auf Federn. Tatsächlich waren all die negativen Energien von ihm abgefallen. Als er die Augen öffnete, sah er, dass aus seinem Mund Blasen stiegen. Sobald er die Zehen bewegte, wirbelte Sand unter seinen Füßen. Dort vorn lagen der Seestern und einige mit Algen befleckte Steine.
Das kam ihm alles so vertraut vor …
Als er durch eine Scheibe sah, wie Fumè übergroß und in Gedanken versunken an seinem Arbeitstisch saß, wusste Tarabas, dass er sich in Miniaturausgabe im Aquarium befand.
Mist, die Fliegenhaie!
Er sah auf. Dutzende kamen auf ihn zugeschwommen. Sie rissen ihre Mäuler auf und fixierten ihn mit hungrigen Blicken. Tarabas schwamm zur vermeintlichen Aquariumscheibe und hämmerte dagegen. Er schrie um Hilfe, doch sein Meister blieb in Gedanken versunken. »Fumè! Hilf mir!«
Als alles Gehämmer und Geschreie nichts half, drückte sich Tarabas mit dem Rücken an das Glas, zahllose Blasen blubberten empor, und er sah mit aussetzendem Herzen die Fliegenhaie auf sich zukommen.
Dann klopfte es an der Tür. Es riss ihn aus dem Schwebezustand und er stand wieder in seinem Zimmer. Hastig schaute er sich um.
»Was ist denn bei dir los?«, fragte seine Mutter.
»Alles in Ordnung«, entgegnete er, nachdem er sich Luft zugefächelt hatte.
»Wirklich?«
»Ja, doch. Ich übe nur.« Als er hörte, wie sie sich entfernte, ließ er den Kopf hängen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er erschrak bei dem zappelnden Geräusch direkt hinter ihm. Zwei Schritte zur Tür, um flüchten zu können, dann erst blickte er sich um. Da lagen neben dem Holzbottich einige Fliegenhaie, zappelnd und nach Sauerstoff schnappend. Nebenwirkungen. Tarabas wollte hin und sie zertreten, weil sie ihm Angst eingejagt hatten, doch er hielt sich zurück. Er legte sich ins Bett und schlief erst ein, lange, nachdem das Zappeln aufgehört hatte.