Warum ich Niederlagen liebe

Eine gute halbe Stunde joggte ich durch Weilheim, als ich vor der Entscheidung stand, ob ich den direkten Weg nach Hause nehmen soll, oder noch ein drei Kilometer langes „Ammer-Schleifchen“ laufen will. Der Schmerz pochte in meinem Knie. Nachwehen eines Hobby-Fußball-Abends. Aber die Sonne schien und ich hatte mich an dem Gemäldehimmel noch nicht sattgesehen. Also entschied ich mich für das Schleifchen …

Bei der gemütlichen Runde passierte ich einen Mann, der wirklich jedes Mal auf einer Bank mit Blick auf die ruhig dahinfließenden Ammer saß, wenn ich dort entlang gelaufen komme, als wäre er die dortige Deko. Wir grüßten uns mit dem Daumen nach oben und lächelten. Ich sah Hunde spielen, Raben fliegen, ein Mädchen warf Steine in den Fluss und ein Pärchen genoss beim Spaziergehen den sonnigen Nachmittag und ihre vertraute Liebe. Dann überholte mich ein Model-Athlet Marke ‚Sonnyboy‘. Mitte Zwanzig, die blonden Haare zum Dutt gebunden, ein durch und durch trainierter Körper. Ich sah ihm hinterher und musste über meine Gedanken schmunzeln, weil der mich so leichtfüßig überholte: Im werde halt alt. Außerdem hab ich Schmerzen. Überhaupt bin ich schon ne gute halbe Stunde unterwegs und die bisherige Strecke nicht so gemütlich gelaufen, wie man meinen könnte, wenn man mich jetzt laufen sah.

Doch irgendwann verging mir das Schmunzeln und ich fühlte mich als jemand, dessen Zeit vorbei war. Dieses Gefühl wollte ich nicht auf mir sitzen lassen! Der Typ war vielleicht einen halben Kilometer enteilt, als sich der Krieger in mir erhob, der eine Schlacht verloren hatte, aber mit dem unbezähmbaren Willen, den Kampf für sich zu entscheiden. Ich ballte die Hände zu Fäusten, und sog die Luft scharf in mich hinein, während ich das Tempo forcierte.
Mit jedem Schritt nahm ich an Fahrt auf. Gänsehäute überzogen meinen Körper. Kein Schmerz war zu spüren, nur die pure Lust, es auszureizen …
Ich hatte auf den Typen sicher um die Hälfte wettgemacht, als er in eine andere Richtung lief. Es hat mich nicht weiter beschäftigt, der Blick blieb auf meinen Weg fokussiert, denn er war kein Konkurrent, er war nur Inspiration für die Schlacht in mir.

Auf dem Weg nach Hause überholte ich einen anderen Jogger und fragte mich, ob er sich in dem Moment ebenfalls als Verlierer fühlte? Und ob er wie ich eine ebensolche Liebe zu Niederlagen spürte? Sie sind für mich der Ansporn und die Anfeuerungsrufe, nicht aufzugeben, auf dem eigenen Weg, um eines Tages erfolgreich zu sein, in all dem, was man erreichen möchte. Denn Erfolg fühlt sich für mich erst dann nach Erfolg an, wenn dem unzähliges Versagen vorausgegangen war und es einem nicht einfach in den Schoß gelegt wurde. Egal, ob im Beruf, in der Freizeit, oder in der Liebe …

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